Cannabis und Politik

"Cannabis könnte in der Trafik verkauft werden ..."

meint Dr. Stefan Thalhammer, Amtsarzt der Bundespolizeidirektion Wien.
Hier sein Leserbrief an die "Öffentliche Sicherheit", das Magazin des Innenministeriums.

Dronabinol, die Krankenkassen und der Kostenersatz

Dass es nicht immer einfach ist, als Betroffener die exorbitanten Behandlungskosten für eine Dronabinol-Therapie erstattet zu bekommen, darf als bekannt vorausgesetzt werden. Welche Ausmaße aber der Kampf gegen die Institutionen annehmen kann, sei an dieser Stelle mit einem 9-seitigen Brief eines Patienten an eine große Kasse dokumentiert (überaus lesenswert).

Die Vorgeschichte dazu - ein Schreiben an besagte "große Kasse": "Nachdem verschiedene Medikamente (z.B.: Risperdal, Nabilone, Orap, Delpral) nur Schläfrigkeit und Blutdruckabfall bewirkt hatten steht nun mit ,Dronabinol’ das momentan beste verfügbare (und einzige bei mir gut wirksame) Mittel zur Verfügung. Die Rechnung von € 150,- für 30 Kapseln habe ich vorläufig aus eigener Tasche bezahlt, was mir in Zukunft nicht mehr möglich sein wird. (-> dzt. Notstandsbezieher)." Hinweis dazu: Die NÖGKK hat in einem vergleichbaren Fall die Kostenübernahme anstandslos bewilligt.

Beigelegt war ein fachärztlicher Befund von Fr. Dr. Stamenkovic/AKH: "Nachdem die bisherige Behandlung mit Neuroleptikern erfolglos verlief, wäre eine Einstellung des Patienten auf das Tetrahydrocannabinol (THC) Dronabinol 2,5mg, welches bereits in der Literatur als wirksame medikamentöse Therapie beim Tourette-Syndrom beschrieben wurde, als sinnvoll zu erachten. Da es sich beim Patienten um eine schwere Form des Tourette-Syndroms mit chronischem Verlauf handelt, welches auch zusätzlich sehr schwierig zu behandeln war (starke Nebenwirkungen bei Neuroleptika) empfehlen wir das THC (Dronabinol) chefärztlich als eine vorläufig längerfristige Therapie zu bewilligen. Als medikamentöse Therapie empfehlen wir Dronabinol 2,5mg 1-1-1."

Die Antwort der Kasse: "aus medizinischen Gründen abgelehnt".

Ein nachgereichtes Rezept von Dr. Blaas ("dzt. kein vergleichbar gutes Medikament in Österreich erhältlich, Praescriptio indicata") wurde ebenfalls "ABGELEHNT", ein Antrag auf Zuschußgewährung zu den Medikamentenkosten aus dem Unterstützungsfonds der Kasse ebenfalls, mit den Worten: "Die Ablehnung der Kostenübernahme des Medikamentes, dessen therapeutischer Nutzen in der angegebenen Indikation bisher weder ausreichend dokumentiert noch wissenschaftlich erwiesen ist, muss somit auch im Hinblick auf teilweise doch mögliche beträchtliche Nebenwirkungen aus rechtlichen und grundsätzlichen Überlegungen erfolgen."

Von einiger "Blauäugigkeit" befreit, ging es dem Betroffenen nunmehr auch ums Prinzip: "Ich wollte eine argumentativ schlüssige Kette von Fakten erbringen, soweit dies bei dieser Materie nur irgendwie möglich ist. (...) eine weitere Ablehnung würde sich meine Kasse nach dem folgenden Brief sehr lange und sehr gut überlegen (müssen)."

Das Verfahren ist in Schwebe, wiewohl die Kasse sich plötzlich weit kompromissbereiter zeigt: "Den Entscheidungsbefugten der ,großen Kasse’ wurde das Thema sehr viel näher gebracht, als es ihnen wahrscheinlich lieb war."

Nachsatz, 19.09.2003: Nachdem der Kampf gegen die Institutionen gut ein Jahr angedauert hatte, darf sich Patient TS nunmehr als Sieger fühlen: Zwar erwies sich die oben erwähnte Fr. Dr. Stamenkovic als "sehr reserviert", der von ihr mit der Klärung beauftragte OA Dr. Schindler/AKH führte jedoch die von der Kasse geforderte "Befundung der Wirkung des Medikamentes, in meinem Falle über einen Zeitraum von 3 Monaten hinweg, durch". Das Ergebnnis, keine Überraschung, sprach für sich selbst und die Kasse, am Ende ihrer Ablehnungsstrategie angelangt, bewilligte den Kostenersatz für Dronabinol.

Brief an die Parteivorsitzenden

CAM und SeCAM haben noch vor der Wahl am 24.11.2002 einen Brief an die Parteivorsitzenden verfasst, in denen sie zu einer Stellungnahme zum Thema Cannabis als Medizin aufgefordert werden. Auf die Antwort warten wir noch.

Zu lesen ist der Brief hier: Brief an die Parteien (68 kB, PDF)

Info: Die Droge Hanf im Vergleich

Zur aktuellen Einschätzung der Lage:
Umfrage in Wien: Wiener Drogenpolitik (Auszüge)

Studien, Studien, Studien

Cannabis - eine Einstiegsdroge? Die Kleiber-Studie im Auftrag des bundesdeutschen Gesundheitsministeriums widerspricht diesem Irrglauben eindeutig; eine Zusammenfassung samt Sekundärtexten finden Sie hier.

Zum selben Thema: Cannabiskonsum als Einstieg zu anderen Drogen? Ausgesprochen lesenswerter Aufsatz am Beispiel Amsterdam von Peter Cohen und Arjan Sas, entnommen dem Buch Lorenz Böllinger (Hg.): Cannabis Science/Cannabis Wissenschaft (1997).

Zur Gefährlichkeit von (legalen und illegalen) Drogen im Vergleich wurde 1998 in Frankreich der Roques-Report erarbeitet; keine Überraschung, dass Cannabis weit besser abschneidet als Alkohol und Tabak.

Mit den Gesundheitsrisiken von Cannabiskonsum befasst sich der WHO-Report "Cannabis: a health perspective and research agenda." (pdf-Datei, 329 kB) Wirklich berühmt wurde die Studie allerdings für diesen Satz aus einem Hintergrundpapier, der letztlich nicht in die Endfassung mit aufgenommen wurde: "there are good reasons for saying that [cannabis] would be unlikely to seriously rival the public health risks of alcohol and tobacco even if as many people used cannabis as now drink alcohol or smoke tobacco".

Eine australische Studie des Bureau of Crime Statistics and Research ergab: Die Kriminalisierung schreckt Konsumenten kaum ab und verhindert überhaupt nicht die Beschaffung; dafür verursacht sie erhebliche Kosten. Originaltext hier, deutschsprachige Zusammenfassung hier.

Mythos und Wahrheit der niederländischen Drogenpolitik ... Hier die Fragen und Antworten, zusammengestellt vom holländischen Ministerium für auswärtige Angelegenheiten: Q&A Drogen (pdf-Datei, 161 kB).

Näheres zur politischen Situation erfahren Sie unter www.legalisieren.at (Hanf & Recht).