NICHT (l)EGAL

Die Kraft des Hanfes

Aušra Blaas

In der gegenwärtigen Debatte erscheint Cannabis entweder als süchtig machende Einstiegsdroge oder als probates Allheilmittel – die Autorin, Gesundheitsexpertin aus Wien mit litauischen Wurzeln, plädiert für eine entspannte und rationale Sicht sowie für mehr Humanität bei kassenärztlichen Genehmigungen in der Cannabismedizin.

Das Jahr 2018 nach Christus sorgt für zahlreiche Aufregungen wegen einer zierlichen, aber doch sehr mächtigen Pflanze. Analysiert man Internetrecherchen und zählt die Suchworte, so erreicht Cannabis bald die Dimension von Sex. Als lustvoll-heimliche Betätigung hat der Konsum der Pflanze die geschlechtliche Begegnung in der Frequenz der Europäer und Amerikaner bereits überholt, was auch irgendwie bedrohlich klingt. Einst schienen Amor, Lex und Cannabis im Einklang, wie eine lange Wirkungsgeschichte zeigt. Wahrscheinlich hat die Blüte dieser Pflanze als Schöpfung Gottes bereits geraume Zeit vor Christus mit ihren Kräften der fortwährenden gesundheitlichen Erhaltung des homo sapiens sowie dem Überleben der Tierwelt gedient. Als mit dem Hopfen eng verwandte Gattung boten die Cannabisarten ihre essbaren und getrocknet rauchfähigen Blüten und Harze den natürlichen Abnehmern und Konsumenten ohne Gesetze und ohne Gefahr der Kriminalisierung an. Darüber gab es keinen Diskurs, sondern es herrschte Einigkeit über Nutzen und Wirksamkeit des Krauts. Damals kannte man keine „Suchtmittel“, wie sie das österreichische Recht heute aufzählt, exakt bezeichnet und im Fall „größerer Mengen“, die in eine Zündholzschachtel passen, nach wie vor streng pönalisiert.

Einst galten weder Mengenbeschränkungen noch Konsumverbote: Die Germanen brauten ihren „cannabinoiden“ Saft, der ihnen Mut verschaffte und heute noch in Form von Bier (auch alkoholfrei) auf den Tisch kommt. Die Marokkaner, Ägypter und Perser rauchten ihren sedierenden Shisha-Qualm, der, so berichtet es sogar Karl May, wohlig nach Haschisch roch. Heute scheiden sich die Geister und die Gesetzgeber driften in verschiedene Richtungen. In Kanada, im US-Bundesstaat Colorado hat man sich für die völlige Freigabe entscheiden, in der Schweiz und – mit rückläufiger Tendenz in den Niederlanden – sind der kontrollierte Zugang und Konsum unproblematisch. Bei uns gehen die Uhren anders. Alles was zählt, ist das Hier und Jetzt, die Pflanze wird skandalisiert. Eine Droge ist sie, ein Heilkraut und ein special effect im Freizeitkonsum. Die Gegner ignorieren Studien und Erfahrungsberichte, die „Hanfisten“ lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. Wo bleibt die „goldene“ Mitte?

Auch in der Medizin scheiden sich die Geister. Für die im Gesundheitswesen Tätigen ist das Leid der anderen Menschen das alltägliche Brot. Das sind nicht stets jene, welche isoliert in Labors forschen, wissenschaftliche Artikel verfassen und um die beste Platzierung in renommierten Zeitschriften kämpfen. Vor allem die niedergelassenen Ärzte und ihre Kolleginnen und Kollegen im Spital kämpfen um Leben und Tod. Sie ringen gegen Schmerz, Trauer und diffuse Emotionen der Patienten. Sie haben Konflikte mit Krankenkassen, mit Chefärzten und der Bürokratie um die Bewilligung von Rezepturen. Sie müssen sich jeden Tag von den Patienten nicht nur die existenziellen Fragen, deren Krankheit betreffend anhören, sondern auch eher für Sozialarbeiter geeignete Fragen, wie: „Ich habe mein ganzes Leben den Beitrag eingezahlt und nie etwas von Krankenkasse benötigt, warum bekomme ich das Medikament jetzt nicht?“. So geht das tagein, tagaus. Nein, es sind nicht vereinzelte Patienten, sondern sehr viele, aber auch wenn es nur ein paar wären, sind es hilfsbedürftige Menschen, die zum Arzt kommen, um ihr Leid zu lindern.

Irrational verläuft auch die mediale Debatte. Die Medien zerfleischen das Thema Cannabis. Neuerdings heißt es, Cannabis löse angeblich Schizophrenien aus. Eigentlich weiß man über diese Krankheit insgesamt sehr wenig im Vergleich zu anderen psychischen Krankheiten, aber manche Autoren glauben zu wissen, dass der Konsum zu Schizophrenie führt. Neulich habe ich in der Zeitschrift „Psychologie heute“ gelesen, dass es bereits Studien gibt auch das Stadtleben würde Schizophrenien hervorrufen. Das klingt nicht weniger und nicht mehr wissenschaftlich wie der psychopathologische Konnex zum Hanf. Ausgeschlossen ist es sicher nicht, denn das Stadtleben wird tatsächlich von Tag zu Tag hektischer, herausfordernder und verwirrender. Anders als Stress in der Stadt kann Cannabis viel Gutes bewirken, wobei an dieser Stelle zu betonen ist, dass Pflanze nicht gleich Pflanze ist. Die unterschiedlichen Aspekte von THC-Gehalt und Cannabinoiden werden in den Medien kaum erwähnt, auch die Unbestimmbarkeit für Konsumenten am grauen Markt ist ein Problem. Nur was legal ist, wird auch analysiert, etikettiert und somit kann Konsument/in wissen, wie stark etc. die einzelnen Cannabinoide sind. Genauso wie man es bei Bier und Wein oder auch bei Spirituosen weiß.

Die Freigabe von THC-Produkten in Kanada wurde bereits erwähnt, nicht aber die irrationale Haltung mancher Europäer, die glauben, diesen Schritt kritisieren zu müssen. Manch einer fühlt sich sogar verpflichtet,  Kanada zu verdammen, weil Cannabis dort ab jetzt legal und bereits ausverkauft ist. Noch hat uns keine Nachricht über eine Massenpsychose erreicht. Ich weiß nicht, wie sie es genau dort handhaben, aber den Kanadier vorzuwerfen diese Neuerung wäre fahrlässig ist etwas überheblich. Ein Land, welches so viel Wein konsumiert wie kein anderes, zeigt mit den Fingern auf die Cannabiskonsumenten. Ich wäre der Meinung – suum cuique, jedem das Seine, also. Wer war vorgewarnt als er/sie das erste Weinglas konsumiert hat? Wird die Bevölkerung jetzt beim Kauf einer Weinflasche vorgewarnt, dass der Konsum Psychosen erzeugen kann? Streng genommen kann es das. Alkoholkonsum ist weder gesund, noch wünschenswert. Es ist kein schöner Anblick, einen unkoordinierten Menschen auf der Straße zu treffen oder zu Hause zu versorgen. Beim Kauf einer Weinflasche wird auch nichts von den Qualen am Tag danach erzählt. Und dennoch ist der Alkoholkonsum hier sozial erwünscht, wie ich bei der universitären Abschlussprüfung ankreuzen musste. Versuchen Sie ein Sozialleben ohne Teufelstropfen zu führen. Viel Spaß werden Sie nicht haben und nicht, weil Sie nicht lustig sind, sondern weil Sie komisch angeschaut und angesprochen werden und das mehrfach und fortlaufend.

Ich will die Gesellschaft nicht vor die Wahl zwischen Pest oder Cholera stellen. Weder Alkohol noch Cannabis taugen für diesen Vergleich. Ich will an den gesunden Menschenverstand appellieren. Cannabis ist ein Heilkraut, die Nachfrage danach ist evident. Ich wünsche mir eine kritische und lösungsorientierte Diskussion zu dieser Frage. Jetzt scheint das Thema heißer als Sex zu sein. Es gab Zeiten, da fuhren die Emotionen wegen Aufklärung und Libertinismus hoch, als sich das Leben um Eroberung und Genuss drehte. Jetzt kochen die Emotionen wegen einer Pflanze hoch. Kriege werden wegen Cannabis geführt, von Konkurrenten wie Pharmafirmen oder anderen Interessensgruppen, von Ärzten, die aus welchen Gründen auch immer ein Problem mit dieser Art der Medikation haben (sie sind aber auch nicht gezwungen es in der alltäglichen Arbeit einzusetzen!), von angespannten Mitmenschen und von leidenden Patienten: Es geht, wie so oft, um Macht und Geld. Cannabis als Heilmittel sollte aber von diesen Kämpfen abgekoppelt werden. Dann wird auch Sex wieder seinen Platz im menschlichen Diskurs finden.


Jeder hat das Recht auf einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie Gesundheit und Wohl gewährleistet, einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Versorgung und notwendige soziale Leistungen.
(Art. 25.1. der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte)